5 Nebel in 4 Nächten

Kapitel 1: Im Süden was Neues (29. Juni 2019)

Anfang Juni ist der neue 10″ RC in die Sternwarte eingezogen, jetzt durfte er das erste Mal Sternenlicht sammeln. Die Nacht ist noch kurz, aber für die ersten Tests sollten die knappen 3 Stunden Dunkelheit wohl reichen. Das erste Ziel: Der Adler-Nebel M16.
Doch nicht nur der RC hatte hier sein Firstlight, auch die ASI071 MC pro durfte jetzt endlich zeigen, ob sie was taugt. Der Aufbau und die ganze Verkabelung samt Notebook ist noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber es wird….

Die Aufnahme läuft…

M16 Der Adlernebel

M16 ist ca. 7000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Emissionsnebel besteht hauptsächlich aus Wasserstoff und gestattet einen direkten Einblick in die Kinderstube der Sterne: in den Säulen im Zentrum enstehen aus dem Gas nach und nach neue Sterne. Diese durch das Hubble Weltraumteleskop berühmt gewordenen „Säulen der Schöpfung sind im Zentrum des Nebels deutlich zu erkennen. Wenn der Prozess einmal abgeschlossen ist, wird der Nebel mehr und mehr verblassen und nur ein offener Sternhaufen mit ein paar Nebelfetzchen übrigbleiben – so wie wir es von den Pleijaden kennen.

Aufnahmedaten: 
10″ Ritchey-Chretien + AP CCD Reducer 0,67 + ASI071mc pro
Nachführung: Sucher + Mgen II
30x 120s, Gain: 90 Offset: 20
Stacking, Stretch, DBE: Pixinsight
PP: Photoshop

Nachdem alle Kalibrierungsaufnahmen gemacht waren, dämmerte es schon gewaltig und auch der Mond gab sich noch kurz die Ehre…

Kapitel 2: Partynacht auf dem Acker (30. Juni 2019)

In dieser 2. Nacht war ich nicht alleine auf dem Acker in Emmenhausen: Johann Schiffmann von Wega-Teleskop war spontan mit auf den Acker gekommen (nach einem kleinen Abstecher auf den falschen, stark Schnacken versuchten Platz 🙂 ). Doch unser Platz hatte in dieser Nacht noch mehr zu bieten: Wird hatten sozusagen eine Astro-Disco – auf der anderen Seite des Waldes am Segelflugplatz wurde wohl kräftig gefeiert und unser Spechtelplatz gleich mit beschallt. So ging unterstützt von Udo Jürgens ans Aufbauen.
Unterbrochen von kurzen Blicken auf Jupiter und den Sternenhaufen M3 im Skorpion habe ich den RC diesmal auf M8, den Lagunennebel gerichtet. Bei den guten Verhältnissen (keine Wolken und SQM-L von 21,33 mag/arcs²) Diesmal zierte sich die Technik ganz schön: Erst wollte APT (die Aufnahmesoftware) nicht, die Montierung erzählte irgendwas von Horizont-Limit erreicht, obwohl sie mitten in den Zenit schaute. Schuld ist wohl ein defektes USB-Kabel. Nach umstöpseln auf klassischen Betrieb mit Handbox funktionierte es nach einer Stunde dann endlich. Am Ende der Aufnahmeserie merkte ich dann, dass ich bei der ganzen Rebooterei vergessen habe, die Kühlung wieder einzuschalten: Die Kamera lief also auf 20° anstatt auf -5° C. 

Auch in der Bearbeitung gab es diesmal Probleme: Aus 19 Bildern wurden plötzlich beim Stacken 24, warum auch immer, also die ganze Kalibrierung nochmal von vorne. Das endgültige Bild hat einen erheblichen Rotstich, irgendwo sind die anderen Farben verloren gegangen – egal, das versuche ich irgendwann noch mal. Aber trotz dem ganzen Unfug ist dann doch noch was Ansehnliches draus geworden, oder?

Messier 8: Der Lagunen-Nebel

Wie die meisten Emmisionsnebel ist auch der Lagunennebel eine stellare Kinderstube – oder besser ein Kindergarten. Die Entwicklung der Sterne des jungen Sternhaufens ist schon deutlich fortgeschrittener als z.B. im Adler-Nebel oder im Orion-Nebel und der offene Sternhaufen (NGC 6530) ist schon deutlich als solcher erkennbar. Allerdings sind noch nicht alle Sterne Ihrer mütterlichen Staubwolke entstiegen. Daher auch die dunklen Staubbänder und scharf umgrenzten Nebelformen (Schockfronten der verdichteten Gase im interstellaren Medium).

Aufnahmedaten: 
10″ RC + 0,67 + ASI074 aus EQ6R
Guiding: MGenII
20* 180 Sekunden, Darks, Bias
Stacking: PI, PP: Photoshop/Lightroom

Gegen 3 Uhr – es dämmerte schon – machte sich Johann dann schon auf den Heimweg. Da ich noch nicht heim wollte, hab ich den RC noch kurz auf M57, den Ringnebel gerichtet. Und ja, da erschien der kleine Rauchkringel auch schon auf dem Bildschirm, begleitet von lautem …and it burns burns burns, the ring of fire… vom Fest am Segelflugplatz. Wussten die etwa, was ich da gerade im Teleskop ablichtete? 🙂

Da es schon dämmerte blieb es bei diesem einzelnen Frame, praktisch unbearbeitet aus der Kamera. Diesmal aber ordentlich gekühlt auf -5°C. Für ein Einzelbild ist das aber schon recht gut – oder?
M57 ist übrigens das Paradebeispiel für einen planetaren Nebel. Nein mit Planeten hat er nicht wirklich was am Hut, aber in den Teleskopen früherer Zeiten erinnert der kleine runde Fleck eben an Jupiter oder Mars, daher der Name. Vor 20.000 Jahren ist hat hier ein Stern am Ende seines Lebens seine Hülle abgestoßen. Wer ganz genau hinschaut, kann den kleinen weißen Zwergstern in der Mitte des Rings erkennen. Er ist immer noch richtig heiß, seine Oberflächentemperatur beträgt ca. 70.000°C. Von ihm stammt die Nebelhülle, die sich mit ca. 19km/s ausdehnt und inzwischen einen Durchmesser von ca. 1,6 Lichtjahren erreicht hat…

Kapitel 3: eine kalte Nacht und leuchtende Wolken (2. Juli 2019)

Nachdem ich Montag arbeiten musste, blieben die Teleskope Sonntag- und Montagabend im Anhänger. Am Dienstagabend war dann endlich wieder Zeit für einen Blick in den Himmel, inzwischen nicht mehr in der Landsberger Umgebung sondern im schönen Fichtelgebirge in der Nähe von Wunsiedel. Hier hat es zwar etwas mehr Lichtverschmutzung als in Emmenhausen (SQM-L 21,03 mag/arcs²), der Himmel war trotzdem frei und klar und die Milchstraße als komplettes Band sichtbar. Die 300 km weiter im Norden spürt man aber schon deutlich, die Nebel rund um das Milchstraßenzentrum stehen hier viel niedriger als in LL. Also lag diesmal das Ziel im Sternbild Schwan, NGC 6888 der Crescent- oder Mondsichelnebel. Dieser kleine schwache Nebel hat es in sich und so hab ich mich getraut, die längste bisherige Belichtungszeit für ein Einzelframe zu wählen: 240 Sekunden. Sicherlich würde noch mehr gehen, aber mit der größeren Brennweite bin ich halt doch noch ein kleiner Schisser 🙂
Während die Kamera vor sich hin belichtete, hab ich mich etwas auf ’s Ohr gehauen. Doch schon weit vor dem Wecker wachte ich auf, durchgefroren bis auf die Knochen. Man ist halt doch die Hitze gewohnt, dachte ich – bis ich nochmal den SQM-L bemüht habe. Da stand doch kurz was von 3° C? Kann nicht sein – also den richtigen Thermometer rausgekramt und siehe da, der zeigte 4,2 °C. Und ich stehe hier, in kurzer Hose und dünnem Jäckchen un wundere mich über die Kälte :-). Von 32° C auf 4° in der Nacht, das ist schon eine Ansage!

Die Sichel im Schwan: NGC 6888 der Crescent-Nebel

Im Sternbild Schwan findet sich dieses seltsame kleine Objekt: Im Teleskop zeigt sich ein mondsichelförmiges Nebelfetzchen, auf dem Foto, je nach Belichtungszeit ein ovales etwas mit einem hellen Stern in der Mitte. Es ist so etwas wie ein planetarer Nebel (wie z.B. der Hantel- oder Ringnebel) und ist doch was völlig anderes: Im Gegensatz zu einem planetaren Nebel, die durch das Verlöschen eines Sterns am Ende seines Lebens entstehen, ist das ein Stern im Rentenalter. Große rote oder blaue Riesensterne, mit 75 – 500 Sonnenmassen erreichen irgendwann einen Punkt, wo Ihr Kern durch das Fusionieren von schweren Elementen (Kohlenstoff) sehr heiß werden. Sie blähen sich auf und die äußeren Schichten des Sonnenmantels, hauptsächlich aus Helium- und Stickstoffgas werden durch die hohe Energie mit großer Geschwindigkeit (bis zu 4000km/s !) weggeblasen. Die hohe UV-Strahlung des Stern regt dabei die Nebelfetzen zum Leuchten an, so entsteht der sichtbare Emissionsnebel um die sen Stern. Benannt nach den französischen Astronomen Charles Wolf und Georges Rayet werden solche Sterne als Wolf-Rayet-Sterne (kurz auch WR-Sterne) bezeichnet.

Der Crescent-Nebel ist genau ein solches Objekt: der helle Stern etwas außerhalb der Mitte des Nebels ist der WR 136, ein WR-Stern vom Stickstofftyp 4700 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Stern ist extrem heiß, seine Oberflächentemperatur beträgt 55.000°K – unsere Sonne hat dagegen nur 5.000°K! Der Nebel um den Stern hat dabei eine Ausdehnung von 25 Lichtjahren erreicht.

Die Aufnahmedaten: 
10 Zoll RC @1370mm + ASI071MC pro
30 Frames zu je 240s Gain: 120 Offset: 20 -10°C
8 Darks, 100 Bias Aufnahmen
Stacking, Stretching, Color: Pixinsight, PP: Photoshop

Der Nebel würde deutlich mehr Belichtungszeit vertragen, auch etwas h-alpha oder OII würde nicht schaden, das war aber bei den kurzen Nächten (noch) nicht zu machen.

Schon während der letzten Aufnahmen zeigte sich im Norden leichte Zirren. Erst war ich mir nicht sicher, aber je näher die Dämmerung rückte, desto deutlicher wurden die leuchtenden Nachtwolken im Norden:

Ein wirklich wunderschöner Abschluss der 3. Nacht unter dem Sternenhimmel!

Kapitel 4: Hanteltraining und die Kappl (3. Juli 2019)

Die vierte Nacht dieser Schönwetterkatastrophe zehrt ganz schön an den Kräften. Während die Kamera diesmal den Hantelnebel aufs Korn nahm, konnte ich nicht einfach daneben stehen und wenn ich mich hingelegt hätte, dann währe ich wohl erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht – wer weiß was Montierung und Kamera bis dahin so getrieben hätten! Also hieß es sich beschäftigen. Ich habe also Kamera und Teleskop wurschteln lassen und bin einfach so durch die Gegend gefahren. Hängengeblieben bin ich schließlich bei der Kappl:

Die Dreifaltigkeitskirche Kappl bei Waldsassen ist wohl einer der einzigartigsten Kirchenbauten in Deutschland. Erbaut 1685-89 weicht der Bau von jeder für die Zeit typsichen Kirchenform ab: Die Architektur sollte die Dreifaltigkeit selbst repräsentieren, da her der ovale Kirchenraum mit den 3 Türmen…
Die Kappl und das Kloster Waldsassen (an der tschechischen Grenze ca. 9km von Eger entfernt) mit seinen berühmten Klosterarbeiten und seiner weltbekannten Bibliothek sind immer einen Besuch wert, selbst mitten in der Nacht! 😉

Zurück in Göpfersgrün hatten Kamera und Teleskop Ihr Programm abgespult. Jetzt hieß es nur noch zusammenräumen und die Kalibrierungsbilder machen. Hier das Ergebnis der 4. Nacht:

Messier 27: der Hantelnebel

Was passiert, wenn ein Stern am Ende seines Lebens angekommen ist? Sein Kern, in dem die nukleare Fusion den Stern am Leben hält kollabiert. Die Hülle wird dabei weggesprengt. Genau das ist hier passiert: vor 8.000 – 14.000 Jahren explodierte ein Stern in 1400 Lichtjahren Entfernung. Seine weggesprengte Hülle sehen wir heute als plantaren Nebel (weil sie im Teleskop auf den ersten Blick wie Planeten aussehen). Seitdem hat die Hülle einen Durchmesser von 3 Lichtjahren erreicht. Sie würde also von der Sonne bis zu unserem Nachbarstern Proxima centauri reichen! Der ursprüngliche Stern ist heute ein weißer Zwerg im Zentrum des Nebels.
Den Namen hat der Hantelnebel vom Astronomen Sir William Herschel wegen seiner leicht ovalen Form erhalten. Entdeckt hatte ihn aber schon Charles Messier am 12. Juli 1764, als fast 255 Jahr vor dieser Aufnahme!

Die Bilddaten: 
10″ RC @ 1370mm + ASI074 MC pro
46 X 180 Sekunden, Gain 120 Offset 20 bei -10°C
Darks und Bias
Bearbeitung: PixInsight, Starnet, Phoshop

Bild 1: volles Feld
Bild 2: Crop um den Nebel

Nach diesen vier Nächten und der Heimfahrt nach Landsberg war ich ganz schön gerädert und irgendwie froh um die gewittrigen Abende, die weiteres Spechteln unmöglich machten. Trotz all der Anstrengung und Müdigkeit, es waren vier tolle Nächte!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.